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Der Bauer als Buhmann

Bodenverseucher, Tierquäler, Bienentöter und Verursacher des Klimawandels. Es gibt zurzeit kaum einen Missstand, für den nicht die Landwirtschaft verantwortlich gemacht wird. Seit längerem schon steht eine ganze Berufsgruppe in der öffentlichen Diskussion dauerhaft am Pranger. Eine ideologische statt auf Fakten basierte politische Meinungsmache treibt eine gesellschaftliche Entwicklung voran, die den Landwirten die Existenzgrundlage raubt. Die öffentliche Meinung zur Landwirtschaft ist total verrückt. Der Bauer soll dafür sorgen, dass alle satt werden, natürlich besonders billig und am liebsten mit Methoden wie vor 1oo Jahren. Ein fundamentaler Widerspruch. Wir können und wir wollen auch nicht zurück in eine Landwirtschaft aus dem letzten Jahrhundert. Ernährte ein Landwirt um 1900 nur vier Personen, so sind es heute 155. Die Weltbevölkerung wächst – und damit der Bedarf an Nahrungsmitteln. Die fruchtbaren Ackerböden der Erde lassen sich aber nicht beliebig ausdehnen. Jeder Hektar Land muss in Zukunft deutlich mehr Menschen versorgen. Das heißt für die Landwirtschaft: sie muss die verfügbaren Nutzflächen noch effizienter nutzen als bisher. Viele rufen ja immer nach Bio als Allheilmittel und Lösung aller landwirtschaftlicher Herausforderungen. Doch vergessen wird: Bei vollständiger Umstellung der deutschen Landwirtschaft auf Ökolandbau wäre mehr als die doppelte Anbaufläche erforderlich, um die gleiche Getreidemenge wie bisher zu erzeugen. Das ist nicht besonders ressourceneffizient. Der Verzicht auf chemischen Pflanzenschutz muss durch intensivere Bodenbearbeitung ausgeglichen werden. Daher hilft uns die ökologische Landwirtschaft auch nicht beim Erreichen unserer Klimaziele, da letztendlich eine geringere Menge mit mehr Energieeinsatz auf den Feldern produziert wird. Der Ökolandbau nutzt zwar keine chemischen Pflanzenschutzmittel, dafür aber biologische wie Kupfer, das als giftiges Schwermetall nicht weniger schädlich ist. Die einfältige Gleichung: Chemie ist gleich Gift entstammt einer merkwürdigen Ideologie, die leider allzu weit verbreitet ist. "Alle Dinge sind Gift, entscheidend ist allein die Dosis." So hat es der Gelehrte Paracelsus schon vor 280 Jahren ausgesprochen. Sachkundiger Pflanzenschutz hat ganz beträchtlich zu unserem heutigen Wohlstand beigetragen und ist in keinem Fall grundsätzlich zu verteufeln. Sicherlich will keiner zurück in Zeiten der großen Hungersnöte. In der Öffentlichkeit wird oft davon gesprochen, dass der Landwirt bedenkenlos Gifte auf die Äcker ausbringt, so nach dem Motto „viel hilft viel“. Das ist aber völliger Unsinn, schon allein weil Pflanzenschutz richtig viel Geld kostet. Was aber viel entscheidender ist: ein gesunder Boden ist das größtes Kapital. Nun gibt es Krankheiten aber nicht nur beim Menschen und bei den Tieren, sondern auch bei den Pflanzen. Wir Menschen ernten quasi nur, was Pflanzenkrankheiten und Schädlinge überlassen. Ohne ein Eingreifen würde also kaum etwas geerntet. Der Landwirt fährt jedoch keineswegs sofort mit der Feldspritze hinaus, sobald die erste Blattlaus gesichtet wird, sondern erst wenn eine gewisse Schadschwelle erreicht ist. Dies gehört zu den Grundprinzipien des integrierten Pfanzenschutzes, der schon seit Jahren praktiziert wird.

 

Klar ist: wir wollen doch weiterhin regionale Produkte und uns nicht mit Lebensmitteln von weither versorgen, die vielfach unter deutlich umweltschädlicheren Bedingungen produziert und erstmal um den halben Globus gekarrt wurden. Das ist ja die nächste große Ungerechtigkeit. Deutsche Landwirte sollen zu Weltmarktpreisen produzieren, haben aber deutlich höhere Auflagen zu erfüllen. Wenn die Landwirte nun auf die Straßen gehen und protestieren, so ist es nicht ein generelles Auflehnen gegen Umweltschutzvorgaben sondern gegen eine ideologisch anmutende Agrarpolitik.  Es ist ein Hilferuf gegen die unverhältnismäßige Auflagenflut, gegen überzogene Bürokratie, gegen Dumpingpreise für Lebensmittel und gegen eine unfaire Handelspolitik. So bringt nicht zuletzt auch das Mercosur-Freihandelsabkommen mit Südamerika die Bauern auf die Straße. Das Abkommen war Ende Juni zwischen der EU und dem südamerikanischen Staatenbund geschlossen worden und öffnet Tür und Tor für den Import billigen Rindfleischs aus Argentinien und Brasilien. Wegen höherer Umweltstandards lassen sich hierzulande Rindfleisch, Zucker und Palmöl nicht so günstig produzieren wie in Lateinamerika. Hiesige Landwirte haben im Wettbewerb das Nachsehen. Und noch schlimmer: mit einem solchen Freihandelsabkommen beteiligt sich Deutschland an der Zerstörung des Regenwaldes. Laut einem Bericht der WELT haben deutsche Handelsketten in den letzten fünf Jahren mehr als 40.000 Tonnen Rindfleisch allein von drei brasilianischen Konzernen, die an der Abholzung des Regenwaldes beteiligt waren, importiert. Fazit: NICHT sinnvoll! Wir wollen das Klima retten aber kaufen billige Produkte aus Brasilien, für die der Regenwald niedergebrannt wird.

 

Es ist also gut und richtig, dass die Landwirte ihrem Ärger aktuell Luft machen und auf die zahlreichen Missstände hinweisen. Darum waren auch wir vom Landwirtschaftsbetrieb Heidebroek dabei. Der Protest geht uns alle an. Politik und Verbraucher müssen umdenken. Und sie müssen unsere heimische Landwirtschaft wieder wertschätzen. Zu keinem Zeitpunkt in der Vergangenheit hat der Naturschutz hier eine so umfassende Rolle gespielt wie heute. Der Verbrauch an Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sinkt durch die Digitalisierung und moderne Präzisionsverfahren kontinuierlich und die Naturschutzflächen nehmen zu. Landwirte sind so gut ausgebildet wie nie. Sie müssen an regelmäßigen Fortbildungen teilnehmen und so nachweisen, dass sie sachkundig sind. Schwarze Schafe gibt es überall. Sie sind jedoch die Ausnahme und sollten nicht das Gesamtbild trüben. Politik und Gesellschaft müssen sich von der gefühlten Wahrheit wieder hin zur wissenschaftlichen Wahrheit bewegen. Dann wären wir auf einem guten Weg!

Bild: tagesschau.de

Foto: Heidebroek

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